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Folgenden Artikel hatte ich für Potsdams ]andere[Seiten geschrieben. Er ist in der Ausgabe Oktober/November 2005 erschienen.

Potsdams]andere[Seiten

Alternative Monatszeitung für die Landeshauptstadt

Oktober/November 2005 Nr. 4 1. Jahrgang

L. im Aufbau

Von Sozialhilfe über HARTZ IV zur Selbständigkeit
das Wagnis einer jungen Neu-Potsdamerin

Langjährigen Anwohnern ist es sicher positiv aufgefallen: In dem Laden in der [...] wird gebaut.

L. steht draußen auf einem Plakat. Ein interessanter Name und Anlass für die PaS, mal nachzusehen: Was passiert hier? Erinnerung: Schon vor dem Krieg gab es hier Lebensmittel zu kaufen, in der DDR war es eine HO, und schließlich war hier bis 1998 ein Haushaltswaren-Geschäft. Und nun, nach 7 Jahren Leerstand, kommt hier wieder Leben ins Geschäft. Schön für die Anwohner!

Im Laden habe ich J. angetroffen, Jahrgang [...], Mutter von [...] Kindern, in Arbeitssachen mit dem Abschleifen der Fensterrahmen beschäftigt. Für mich kommt J. von der Leiter und erzählt mir ihre Geschichte. Eine Geschichte, so untypisch und doch so typisch für die Umbrüche unserer Zeit.

Geboren und gelebt hat sie bis 1989 in München. Von München nach Potsdam? Da ist sie zwar nicht die einzige - aber die anderen kamen mit Buschzulage.

Sie lacht: "Ich hatte ein paar Umwege." Zuerst zog sie für 1,5 Jahre nach Frankreich, dann Berlin, schließlich von 1993-2000 nach MeckPomm. Dort habe sie in der Landwirtschaft gearbeitet, Kulturarbeit geleistet, eine Burg als Kulturstandort instand gesetzt, in B. ein Wohnprojekt für geistig Behinderte betreut, in Neuschönow ein Seminarhaus mitaufgebaut, eine Körpertherapieausbildung absolviert und immer wieder als Köchin gearbeitet. Ach ja, die [...] nicht zu vergessen. Alles andere als ein gutbürgerlicher und geradliniger Lebenslauf. Aber eine schöne Zeit, sagt sie. Und ich glaube ihr das gern.

2000 ging sie dann mit dem Vater der Kinder nach Potsdam. Hier wurden auch [...] geboren. Die Beziehung hat aber nicht gehalten. Jetzt ist sie alleinerziehend.

Wovon sie in Potsdam gelebt habe? Sozialhilfe und Hartz IV. Was ist besser von beiden? Hartz IV, kommt wie aus der Pistole geschossen. Hätte sie denn jetzt mehr Geld? Nein, 20 EUR weniger im Monat. Aber ob ich schon mal im Sozialamt gewesen wäre? Unerträglich war es. Mit Kind auf dem Schoß neben Suffis, 8 Stunden und länger wartend und doch unverrichteter Dinge wieder abziehend. Jetzt würde man demgegenüber richtig zuvorkommend behandelt. Man kann anrufen. Man bekomme einen Termin - es wäre alles viel angenehmer. Na ja. Man muß wohl aus der Sozialhilfe kommen, um es so zu sehen.

Wo sie in Potsdam gewohnt hat? Erst F.str., dann K. und jetzt am S.

Was habe sie in Potsdam gemacht? Gearbeitet - ehrenamtlich. Den Verein B. e. V. hat sie geleitet. Das ist der Verein, der den Kiezladen [...] betrieben hat. Und Abitur wollte sie nachholen, das habe sie aber nach einem Jahr wieder sein lassen. Studieren wäre ihre Sache nicht. Nicht, daß sie dumm wäre (auch das glaube ich ihr sofort), sondern sie habe zum Lernen nicht das nötige Sitzfleisch. Ich bin eher ein praktischer Mensch, der durch das Leben lernt, sagt J. von sich selber.

Na gut, aber warum der Laden? Irgendwas müsse sie ja machen. Und die Idee einer Selbständigkeit habe sie schon lange.

Jetzt werde ich neugierig: Wie lief denn das nun konkret ab? Welche Unterstützung bekam sie? Die letzte Frage ist schnell beantwortet: Keine! Bei dem Lebenslauf? Als Frau? Ohne Eigenkapital? Mit [...] Kindern? Ohne Berufsabschluss? Nun ja, wenigstens der Vermieter wird ja, schon angesichts des langjährigen Leerstands, einen vernünftigen Mietzins verlangt haben?! Als ich ihr schmerzverzerrtes Gesicht sehe, weiß ich, dass ich in ein Fettnäpfchen getreten bin. Und als sie mir dann den Mietzins nennt, verzerre ich das Gesicht. Geschäfte haben es in Potsdam schwer. Sehr schwer.

Jedenfalls habe sie im Sommer 2004 mit der Planung begonnen. Es folgten Unternehmensberatung, Erstellung eines Unternehmenskonzepts, ein Betriebswirtschaftslehrgang beim Forum für Berufsbildung e. V., Berlin. (Vergebliche) Suche nach Kapital bei Sparkasse, Bürgschaftsbank und Volksbank. Sie habe aber von ihren Eltern Geld bekommen, sich privat Geld geliehen und so schließlich 30.000 EUR zusammengekriegt. Ob das reiche? Knapp, sehr knapp. Es ginge auch nur, weil sie bei ihren bisherigen Beschaffungen sehr großzügige Zahlungsfristen eingeräumt bekommen habe. Bis die ran sind, muß sie Geld verdient haben.

Was sagte das Arbeitsamt zu ihrer Selbst-Initiative? Es unterstützt sie mit 12 Monaten Selbständigkeits-Einstiegsgeld in Höhe von je 160 EUR. Hört, hört... Und was wird das nun für ein Laden? [...]. Der Name sei Programm: L.

Die Eröffnung war für Mitte Oktober geplant, es wird aber wohl Anfang November werden, so die junge Inhaberin. Sprach's und machte sich wieder an die Arbeit.

Viel Erfolg, J.!

Oliver Lenz


Erste Veröffentlichung: 23.04.2006 Hinweise, Anmerkungen, Fragen? © 2006 Oliver Lenz
Letzte Änderung: 1.11.2011 Mail
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